Kita macht Kunst! – Erfahrung mit allen Sinnen im Leder- und Gerbermuseum e. V. der Stadt Mülheim an der Ruhr

  • Besuch und Führung im Ledermuseum mit plastischen Ergänzungen

    Die Leiterin des Ledermuseums führte zusammen mit mir die Kitagruppen durch das Museum. Als Expertin für Leder erläutert sie die Sachverhalte - ich ergänze als Bildhauerin mit Fragen zum dreidimensionalem Sehen und Erleben, um mit sinnlich erfahrbaren Themen den Museumsbesuch in den Kitas nachzubereiten. Drei „bildhauerische“ Themen habe ich dabei im Blick:

    1. Fläche, Körper und Form. Leder ist als flache Körperform verschiedener Tiere und als Nachbildung menschlicher Körperformen für Schutzkleidung (Handschuhe, Uniform) im Museum zu erleben.

    2. Oberfläche und Struktur. Auf der Oberfläche des Leders sind eingezeichnete, plastische Spuren als Hinweise auf die Körperform und seine Bewegung zu sehen und zu fühlen. (Fell – Laufrichtung der Haare, Tierhaut – Narben – Poren – Nackenfalten, unterschiedliches Aussehen und Anfühlen von Schlangenhaut, Krokodilleder, Fischleder, Elefantenhaut, Büffelleder, Straußenleder, etc.)

    3. Farbe. Gerbbrühe und Farbe beeinflussen das Aussehen und das Anfühlen des Leders, seine Wirkung im Raum.

    Zu diesen Themen bereite ich vier kunstpraktische Übungen vor, in denen die Kinder nicht nur ihre Museumseindrücke verarbeiten sondern im Umgang mit dem Werkstoff Leder, auch einen Begriff von „Bildhauerei“ bekommen.

    Besuch in der Kita – Kunstpraktische Übungen zum Museumsbesuch

    Künstler? Das sind Maler. Und eine Bildhauerin? Was macht die? Diese Frage versuchten die Kinder und ich anhand von Bildern, Gegenständen und den Körpern der Kinder im Raum durch Befühlen und Anschauen zu klären.

    Vertiefungen, Erhöhungen, Flächen und Körper bilden eine Form. Wir nehmen ihre Ausdehnung und Begrenzung wahr. Hat ein Raum eine Form? Wie viele Ansichten eines Körpers gibt es? Von welcher Seite erkenne ich einen Gegenstand am besten? Was ist eine Form?

    Einheit 1 Formen erkennen – Jäger in der Nacht


    Wir beginnen mit dem „Formen sehen“ in einer Bildübung mit Kohle, Papier und Radiergummi .... Wir werden zu Jägern und versuchen, der Nacht ein Tier zu entlocken. Mit Kohle schwärzen wir unser Zeichenpapier so dunkel wie es geht. Dann erinnern wir uns an die Tiere im Ledermuseum oder an unser Lieblingstier: Wie sieht die Form seines Körpers aus, wie groß ist es, wie sind seine Beine, Ohren, Flügel, sein Schwanz geformt? Hat es einen Schnabel oder ein Maul? Hat es Stacheln, Federn oder ein Fell? Von welcher Seite kann man mein Tier am besten erkennen? Von vorne, von hinten, von der Seite, von oben oder von unten? ..... Schließe die Augen bis Du es genau vor Dir siehst. Dann versuche mit dem Radiergummi dein Tier sichtbar werden zu lassen: Radiere, so gut es geht, die Körperform deines Tieres aus der schwarzen Kohle heraus bis sie sich als heller Papiergrund deutlich in der geschwärzten Nacht zeigt. Damit deine Tierform nicht so leicht verwischt und wieder verschwindet, besprühen wir sie ein paar Mal mit Fixierspray.

    Einheit 2: Oberfläche erfassen – Detektivische Spurensicherung mit Graphit


    Diesmal geht es um Strukturen entdecken, Spuren erkennen, neu sehen, nachspüren mit den Fingern und den Augen. Jedes Material hat nicht nur eine Form sondern auch eine Oberfläche. Die wollen wir erkunden und sichtbar machen. Auf einem Tisch liegen ganz verschiedene Gegenstände und Materialien. In einem Spiel prüfen wir, ob wir diese Dinge auch blind erkennen können, nur mit unseren Händen. Jedes Kind bekommt einen anderen Gegenstand in die Hand und hat drei Versuche. Auch ohne Augen begreifen, ertasten und spüren unsere Finger, was wir in der Hand halten. Wenn wir die Gegenstände und Materialien mit Papier abdecken und mit einem Graphitstift darüber fahren, können wir die Eindrücke der Formen und ihre Oberflächen als Spuren deutlich sichtbar machen. Wie Detektive erfassen und spüren wir jedem Gegenstand genau nach, reiben ihn durch, gestalten und strukturieren eine Papieroberfläche mit Eindrücken, Mustern, ganzen Formen, Teilstücken, Verschiebungen und Überlagerungen der mitgebrachten Sachen. Eine ganz neue Sicht der Dinge entsteht. Kein Oben, kein Unten, kein Hoch oder Tief sondern eine Fläche, in der alles auf einer Ebene erscheint...

    Einheit 3: Farbe – Experimente im Farblabor mit Leder, Stoff und Papier

    In einem improvisierten Farblabor experimentieren wir mit flüssiger, ungiftiger Ostereie Kaltfarbe. Drei Farben stehen zur Verfügung. In der Flasche wirken sie „schwarz“, „orange“ und „dunkelrot“.

    Drei „Laborassistenten“ schütten jede Farbe in einen eigenen Topf. Weitere „Assistenten“ geben einen Esslöffel Salz und Essig dazu. Das stinkt! Nun bekommt jeder einen Probestreifen aus ungefärbtem Leder, später aus weißem Baumwollstoff und Papier und entscheidet sich für einen Probefarbtopf. Auf mein Kommando tauchen alle Kinder ihren Streifen in das Farbbad. Wir zählen langsam bis zwanzig. Dann ziehen alle ihren Streifen aus der Farbe, lassen ihn abtropfen bevor wir die Probestreifen vorsichtig an einem Ring mit Wäscheklammern befestigen. Überraschende Ergebnisse: das „Schwarz“ färbt sehr oberflächlich „Blau“, „Orange“ hinterlässt so gut wie keine Farbspuren, „Dunkelrot“ erzeugt ganz helle Spuren „Rosa“ . Wir versuchen es diesmal mit den Baumwollstreifen. Jedes Kind wechselt zu einem anderen Farbtopf. Wir erhalten eindeutig blaue, gelbe und „pinkrote“ Streifen. Dann experimentieren wir noch mit Streifen von Japanpapier und Packseide. Beide Papiersorten nehmen die Farbe sehr gut an, aber das Japanpapier löst
    sich ganz leicht auf beim Färben. Alle Streifen klammern wir nach jedem Farbbad an den Ring. Nachdem die drei Grundfarben gefärbt wurden, wollen wir mischen: Orange und lila und grün und was passiert, wenn wir alle Farben zusammen schütten? Da das Leder die Farbe nicht so gut annimmt, färben wir lieber mit Stoff- und Papierstreifen weiter. Wir mischen Blau und Rot, Gelb und Rot und Gelb und Blau zusammen und erhalten schöne
    Lila-, Orange-, und Grüntöne. Als wir alle Farben zusammen schütten, färben sich die Streifen graubraun. Auch diese Streifen hängen wir in unseren Ring und erhalten so einen schönen plastischen Farbkreis, dessen Regenbogenfarben nach dem Trocknen viel heller geworden sind.

    Einheit 4: Plastische Bildgestaltung – Materialcollage

    In der letzten Einheit werden wir zu Künstlern, die mit den Themen der drei vorigen Einheiten - Form, Oberfläche und Farbe - ein plastisches Bild durch Schneiden, Kleben und Zusammenfügen gestalten.

    Noch einmal geht es um Tiere. Ich habe für die Kinder ein Buffet vorbereitet mit Fell- und Lederresten, getrockneten und gefärbten Naturmaterialien (Blätter, Bucheckern, Bambus, Hanf, Bast, Gräser), Perlen und Pailletten. Jedes Kind sucht sich einen Arbeitsplatz mit Schere und Kleber am Tisch, es bekommt dazu einen Bildgrund (Tapete mit hellblauer bzw. weißer Seite). Auf Papptellern bedienen sich die Kinder am Buffet. Sie wählen Materialien aus, die sie für ihr Bild verwenden wollen. Mit der Schere können sie Formen aus Leder aus- und Material in die richtige Form schneiden. Die Formen werden auf dem Papiergrund zurecht gelegt und zusammengefügt und dann, nach und nach, mit dem Kleber auf dem Papiergrund befestigt. Die Kinder entscheiden, ob sie ein beeindrucken-des Tier aus dem Museum, ihr Lieblingstier oder ein Fantasietier bzw. Fabelwesen in seinem Lebensraum gestalten wollen: eine Maus in ihrem Versteck, einen Elefanten unter einem Baum, eine Fledermaus mit ausgebreiteten Flügeln, Kaninchen auf einer Blumenwiese, ein Einhorn unter blauem Himmel, eine Igelfamilie im Gras, ein Hund mit Schneeflocken, ein Tiger im Wald oder einen Büffel.....

    Unterschiedliche Oberflächen und Strukturen der Materialien, ihre körperhaften, plastischen Qualitäten und farbigen Kontraste bieten Auge und Hand vielfältige sinnliche Reize. Wenn sie als geschnittene oder gefundene Formen neben- oder übereinander geklebt werden, ergeben sich überraschende, sich gegenseitig steigernde Kombinationen und Ausdrucksmöglichkeiten. Sie zu entdecken und mit den bisherigen Erfahrungen zu einem plastischen Bild zu gestalten, ist das Anliegen unserer letzten gemeinsamen Runde.

    Fazit

    Die Kinder haben sich nachhaltig mit dem Werkstoff Leder, seiner Herkunft, Entstehung und Verarbeitung, auseinander gesetzt. Als Bildhauerin habe ich ihnen die sinnlichen Qualitäten und Eigenschaften von Leder im Vergleich mit anderen Materialien nahe gebracht. Gerade die Flachheit des Leders, seine Ausdehnung hat mich gereizt, in klassische Themen der Bildhauerei, wie Form, Körper, Fläche, Oberfläche, Struktur und Farbe, durch praktische Übungen und nachfragende Gespräche einzuführen. Ich habe versucht, den Kindern eine sinnlich nachvollziehbare Vorstellung zu geben wie sich
    Bildhauer, anders als Maler, mit diesen Themen auseinander setzen. Kinder und Erzieherinnen waren von meiner strukturierten, experimentierfreudigen Arbeit, der Material- und Themenauswahl, ihrer Einbindung sehr angetan. Sie erhielten Anregungen und nahmen meine Angebote als bereichernde und sinnvolle Ergänzung ihrer Arbeit wahr. Kinder wie Erzieherinnen erlebten die Arbeit in kleineren Gruppeneinheiten von 8 bis 10 Kindern als sehr angenehme, intensive Zeit, in der sehr gut auf individuelle Fragestellungen und Probleme eingegangen und jedes Kind gesehen und unterstützt
    werden konnte. Die Kinder konnten sowohl eigene Erfahrungen und Erlebnisse in Bezug zu den Exponaten im Ledermuseum setzen und in ihre Werke mit einfließen lassen wie auch ihre im Museum gemachten Erfahrungen bildnerisch verarbeiten und als eigene Idee weiterführen. Die Erzieher formulierten ein starkes Interesse an einer Fortbildung in der freien bildnerischen Arbeit mit Kindern.